Kleiner Brustkrebs in ADHS-Körpergemeinschaft aufgetaucht.
Ich bin Hilde, 36, habe einen guten Job, eine wundervolle Partnerin, ADHS und seit Neuestem auch Brustkrebs. Klein, kompakt und gut behandelbar, wie es aussieht. Halb so wild, sollte man meinen, und doch ist seit der Diagnose vor zwei Wochen nichts mehr, wie es war. Ärzt*innen, Untersuchungen, Gespräche, Entscheidungen und dann die überraschende Top-Nachricht, dass zwischen Krebs und Mamille doch ein bahnbrechend ganzer halber Zentimeter liegt. Brusterhaltend zu operieren scheint folglich sehr erfolgsversprechend, also die optimale Behandlungsmethode, so das Gremium der Tumorkonferenz, zur nunmehr per MRT fundiert generalüberholten und auf geschlagene 46 Sekunden komprimierbaren, Sachlage. Das klingt phänomenal! Und, ob geringer Überschneidung mit allen vorangegangenen Aussagen, die mich zwischenzeitlich bereits zur inoffiziellen, würdevollen Verabschiedung meines geschätzten Nippels veranlasst hatten – ja, doch, mindestens auch ein bisschen verwirrend.
Erfolgversprechender Minimaleingriff war Pi mal Daumen gleich wie viel Nummer sicher?
Ich persönlich neige ja in Überlebensfragen tendenziell dazu, auf Nummer sicher zu gehen, aber wenn die, von denen ich mich grundsätzlich hochwertig beraten weiß, eben das so sagen, sollte das eben so sein. „Drei Tage Krankenhaus, vier Wochen Genesung, drei weitere Wochen Bestrahlung, fertig.“ Ich also „Supi, danke, nehmen wir so“, noch schnell den Bogen ausgefüllt, wie sehr ich mich auf einer recht hübsch als Barometer illustrierten Ordinalskala so belastet fühle – „ähm, joar, mittel vielleicht“ und zack – hat meine Krankenkasse auch schon eine putzige Busen-OP gekauft. Im Anschluss geschwind rüber zur Humangenetik, erbliche Vorbelastung testen lassen und / oder eingespartes AOK-Gemeinschaftsvermögen direkt reinvestieren. Jetzt aber ab nach Hause, feiern. Immerhin sind das mal ganz schön gute Neuigkeiten, wie es nun auch vollumfänglich in mein, zugegeben derzeit womöglich dezent begriffsstutziges, Bewusstsein vorgedrungen ist.
Dann lieber Stress mit Merz.
Am 07.03. zieht Karl also aus. Ja, mein Krebs hat einen Namen. Als wir einen Tag nach der eigentlichen Diagnose die weiterführenden Biopsie-Ergebnisse erklärt bekamen, darunter „Anfangsstadium“, „nicht die aggressivste Variante“, „hormonrezeptorpositiv, das ist gut“ hatte ich mich vielleicht in einen klitzekleinen Freudentaumel manövriert und mein, ja ganz offenbar „nettes Karzinom“, kurzhin getauft. Zur besseren Einordnung eines sich an dieser Stelle eventuell aufdrängenden Eindrucks von Unzurechnungsfähigkeit und allein schon der Vollständigkeit halber, sei weiterführend erwähnt: Ziemlich genau zwei Augenblicke später, für eine wirklich außergewöhnlich lange, äußerst stille Sonographie auf die, dem Boden der Tatsachen erstaunlich nahegelegenen, Liege einer weiteren Ärztin gebettet, war die noch im Moment zuvor just über mich hereingebrochene Begeisterungswelle auch schon wieder weg. Der Name blieb. Und bleibt. Ja, zugegeben, mutet ein bisschen makaber an, aber nein, ich sympathisiere nicht mit dem Feind. Ich bin einfach überzeugte Pazifistin und Krebs wird nicht der, die oder das Erste seit langem, mit dem ich Stress anfange, da fallen mir andere prädestinierte Kandidat*innen außerhalb meines Körpers ein, Merz und Weidel zum Beispiel – anderes Thema. In mir drin gedenke ich mich jedenfalls diplomatisch zu arrangieren, bis meine Brüste wieder ohne ungeladenen Untermieter, in Frieden abhängen können.
WTF, bin ich jetzt echt meine Oma?! … und andere Ambivalenzen.
So leicht, wie sich das hier schreibt, ist es dummerweise gar nicht. Abgesehen davon, dass ich vom ersten Tasten bereits einen aufdringlich unguten, sich im Verlauf immer weiter verfestigenden Verdacht hatte, ist das Verhältnis zu meinem Körper aktuell maximal ambivalent. Um genau zu sein, vermeide ich den Kontakt gänzlich. Ich fühle mich alles andere als wohl in meiner Haut und je näher diese wiederum an dem liegt, was da „zu Besuch“ ist, desto vehementer manifestiert sich mein Empfinden in Empfindsamkeit, Sensibilität und Ablehnung. Die mittlerweile gestartete Antihormontherapie, die mindestens fünf Jahre fortzuführen ist, tut ihr Übriges. Während ich mich noch damit abzufinden versuche, bald offiziell mit allem Drum und Dran wechseljahresalt zu sein, bin ich auch schon müde, energielos und hitzegewallt. Das gelegentliche Hineinhypochondrieren von nie gänzlich ausschließbaren (nämlich!) Metastasen, in die dezent schmerzende Schulter, ist zweifelsohne der bereits prophylaktisch beginnenden Verkalkung meines Superhirns zuzuschreiben. Zusammenfassend: Gestern dachte ich, ich rede gelegentlich wie meine Oma, heute bin ich meine Oma. Tolle Wurst.
„Mein leben ist krass erstrebenswert!“ und der Krebs so: „Nein Pascal, ich denke nicht.“
Dabei brachte mir das Ganze doch mindestens genauso viel Ambition. Die bisher zelebrierte, grundsätzliche Ausrichtung des eigenen Wirkens, ließ sich auf einmal ernsthaft hinterfragen, ja hinterfragte sich quasi von selbst. Die ersten Antworten folgten gleich mit – prompt, radikal, klar, echt. Als hätte jemand im Hinterstübchen die Lampe angeknipst, und unter einer dicken Staubschicht gelegen, offenbart sich plötzlich das komplette Ausmaß des Schlamassels, in dem man sich tagtäglich so zielstrebig, pflichtbewusst und gefälligst glücklich bewegt. „Ob Du wirklich richtig lebst, siehst Du wenn der Krebs ansteht“, strahlt Dir das gelbe Leuchtschild an der Tür, in schwarzen, fett und serifenlosen Großbuchstaben ins Gesicht. Aber mehr noch, bei näherer Betrachtung ist außerdem sehr deutlich zu erkennen, was das Alltagsgerümpel für Dich bedeutet, mit Dir macht, nicht macht, nie machen wird, während sich in der anderen Ecke haufenweise, bunte, faszinierende, durchaus realistische Alternativen tummeln, die vorher in keine noch so offene Brainstorming-Session gelangt wären, weil – ja weil sie eben naturgemäß zu cool, progressiv und rebellisch sind, um überhaupt nur für einen Zutritt in Deinen fucking Oldschool-Ü30-Club infrage zu kommen.
Erkenntnistransfer der Superlative vs. Restenergieerguss in Hitzewallung
Die eigentliche Kunst ist es jetzt, das temporär erleuchtete Oberstübchen, über pathetisch-hippe Kreativpartys in der Popup-Dachgeschoss-Lounge hinaus, für sinnstiftenden Transfer heranzuziehen. Hinschauen, betrachten, abwägen, sortieren. Letztlich und vordergründig bewusst auswählen, wer auch für zukünftigen Standard-Spießer-Veranstaltungen unabdingbar auf die Gästeliste gehört. Und das am besten zügig, bevor die alten, ranzigen Verbindlichkeiten, erneut jedwede verfügbare Energieressource, an der erhellenden Discokugel vorbeischleusen. In bildbefreiten Klartext übersetzt: Mit der Diagnose hat die bisherige Interpretation meiner Existenz ihre funktionale Bedeutsamkeit an naturgemäß wichtige Aspekte abgeben müssen, die ich unbedingt etablieren will, bevor von gigantisch anmutenden Potentialen, letztlich nur Alte-Frau-Symptome übrigbleiben, die vage an eine irgendwie mit dagewesene Ausnahmechance erinnern.
Mathematisch betrachtet erwartet mich Großes
Damit wären wir dann wohl beim schwierigen Part auch dieser grundpositiven Situations-Teilmenge angelangt, fürchte ich. Und doch, daran, einen, wenn auch verhältnismäßig geringen, Preis, zu zahlen, komme ich nicht umhin. Insofern möchte ich bitteschön auch den adäquaten Gegenwert mitnehmen. Ich wünsche das nicht nur so, sondern nur so geht die Gleichung auf, ergo steht es mir zu. Ein wesentlicher, wie folgerichtiger Schluss, wie ich finde.
„Was soll der ganze Druck?“ fragt der Druck und öffnet das Ventil
Und da ist er, Druck von der neugewonnenen Seite. Während die altgewohnte, altgewohnt von mir verlangt, in den nächsten zwei Wochen schon mal fröhlich ins Büro zu stapfen, mir den Allerwertesten aufzureißen und zauberhaft zu sein. Wau. Allein die Vorstellung macht mich in neuer Dimension müde. Nicht weil ich mich hyperschwer täte mit Zauberhaftigkeit oder gar ungern arbeite, absolut nicht – ein hiermit implizierter Trugschluss, den es im Verlauf zwingend aufzulösen gilt. Überhaupt gibt es noch so viel zu erzählen, aber das ist morgen noch da. Oma muss ins Bett. Und Karl ist auch dabei.