Pandorische Krebs-Schatulle, offen für Hoffnung
Nachdem ich die Büchse der Pandora zuletzt sperrangelweit offenstehen ließ, hatte hier zumindest auch noch die Hoffnung ausreichend Gelegenheit, sich zum ohnehin entflohenen Elend zu gesellen (im Original schafft es nur das Unheil selbst, das folglich allein und zerstörerisch walten kann, ohne jegliche Hoffnung, die wiederum in der verschlossenen Schachtel zurückbleibt). Ja, der letzte Blogeintrag klingt für sich erstmal etwas vernichtend und tatsächlich gab es zwischenzeitlich den ein oder anderen Relativierungs-Impuls … Spoiler: Hat sich wieder relativiert. Also der Impuls.
Ein besonderer Service für alle Erstbesucher, mit ohne Bock auf 3 Seiten maximal inspirierende Vorab-Lektüre –
Was bisher geschah:
Ich habe mich derbe über die vermeintlich inflationär unangemessenen Reaktionen auf meine Krebsdiagnose echauffiert und diese zu Persona-Kreationen verhackstückt, die grundmenschliches Verhalten, in hart kokettierenden Über-den-Kamm-scher-Konstrukten, maximal undifferenziert und damit pauschal herabwürdigt. Ja, das kommt hin. Und ja, möchte ich völlig unrelativiert so stehen lassen.
Part 2 – Keine Absicht ist trotzdem Kacke
Klar, überzeichnet Pipapo und gleichsam liegt der wahre Kern dem Abbild viel zu nah, als dass die Sachlage eine Reduzierung bedingen oder auch nur hergeben würde. Wo das geklärt ist, nun also Vollgas rein ins Ergänzungsprogramm: Scheiße mit der kommunizierten Krebsdiagnose eines Gegenübers umzugehen, passiert selten in böser Absicht, aber eben meist auch ohne die Wirkung dessen überhaupt zu umreißen. Ich erachte es folglich als wichtig, jenem Effekt in absoluter Deutlichkeit Ausdruck zu verleihen. Möge der nunmehr flügge gewordene Büchsen-Hoffnung die Bühne bereitet sein, ihr Feuer zu entfachen, andere Handhabe-Potentiale von jenem Bewusstsein, sukzessive in die eigene, uns innewohnende Natur zu überführen. Amen.
Warum uns gesellschaftlicher Ordnungswahn zu stinkenden Leichen bringt
Der kollektive Plural steht btw nicht als entschärfendes Stilinstrument, sondern explizit und fett für „mich eingeschlossen“. Nicht ich bin betroffen und ihr müsst besser damit interagieren. Unserer Gesellschaft täte es gut, etwas weniger ordnungsfanatisch, alles und jeden feinsäuberlich, etikettiert, verpackt, nach irgendwie-so-isses-gearteter Wertigkeit in passende Räume zu schlichten. Man kann nämlich noch so schöne Zeit in den blitzeblank-gewienerten, lichtdurchfluteten Etagen verbringen. Irgendwann muss jeder in den Keller und da fällst du nun mal über hässlichen Weihnachtsschmuck, alte Raclette-Sets, Krebs und den ganzen restlichen Plunder. „Bäh, schnell wieder weg“ – also die völlig logische, sich aufdrängende Reaktion, noch bevor man überhaupt zu den standesgemäß untergebrachten und sowieso gefälligst autoritätsgehorsam “ab-liegenden” Kadavern vorgedrungen ist, die hier seit jeher ihre Unabhängigkeit als marginalisierte Gruppe feiern.
Auf süß stelle ich mal die waghalsige These in den Raum: Andere Impulse setzen, führt uns gesamtkontextuell zu dem barrierefreien, harmonischen, paritätischen Miteinander, das die Begegnungen mit verstörenden Untergeschoss-Leichen drastisch reduziert. Nämlich.
Themaverfehlendes Schuldgeständnis – ein Exkurs
Mann, Mann, Mann … So ein martialisches Pseudo-Weltverbesserer-Ding war eigentlich nicht der Plan. Joar. Uneigentlich trotzdem passiert. So langsam verstehe ich die schlechten Deutsch-Noten für Themaverfehlung. Verspüre das tiefe Bedürfnis, mich bei meiner Lehrerin zu entschuldigen. Für viel zu viel lesen und dann auch noch ständig mit mir diskutieren müssen, über derart Offensichtliches, das nun, gerade einen klitzekleinen 20-Jahres-Wimpernschlag später, auch schon vermag, mir selbst bereits im Entstehungsprozess ungebremst in den Schädel zu schallern. Liebe Frau Koch, heute nur für Sie, mit Seltenheitswert in Aufrichtigkeit: Sie hatten so recht!
Zu verschenken: Masterlösung aus Auratüte
Aber zurück zum eigentlichen Eigentlich: Da geht es nämlich gar nicht um meine Unfähigkeit präzisen Ausdrucks, sondern adäquate Krebs-Resonanz.
Nur für den Fall, man hätte eben diese Masterlösung damals doch versehentlich in meine Aura-Tüte statt in die des Dalai Lamas gepackt, möchte ich nicht leichtfertig damit umgehen. Zur Abwechslung sage ich Euch völlig schwurbel- und erörterungsfrei, punktgenau, worauf es sich m. E. komprimieren lässt: Mensch sein.
Klingt weder bahnbrechend noch nützlich? Hm. So gar nicht? Okeeee … Nach einem beruflichen Vortrag gab mir der voll wichtige Oberchef, Prinz von und zu Bumsladen, mal folgendes Feedback: “Zwei Drittel haben Sie begeistert, ein Drittel konnte Ihnen nicht folgen. Pathetische Pause. Das ist aber nicht Ihnen, sondern dem Auditorium geschuldet.
Soll jetzt keine Kritik an euch sein. Ich will damit nur sagen. Pathetische Pause.
Ihr müsst schon auch ein bisschen mitmachen.
Aber hey, ich geb alles! Bereit?
Steh zu dem, wie Ihr zueinander steht
Grundlegend in erster Linie: Wie Ihr zueinander steht oder besser, wie Ihr sonst kommuniziert. Oberflächlich? Substanziell? Nah? Humorvoll? Nennt mich verrückt – aber ich sage, genau das, findet sich idealerweise auch in jenem Gespräch und darüber hinaus wider. Mit einer ernsthaften Krankheit konfrontiert, ist sofort alles komplett anders. Etwas Normalität und das Gefühl in gewohnter Rolle, auf Augenhöhe stattzufinden, wirkt beruhigend, womöglich gar ein bisschen heilsam. Keiner will als Opfer wahrgenommen werden, sich in Watte gepackt und damit noch mehr separiert führen.
Eat the Elefant, oder was da sein darf versteht zu gehen
Um Missverständnissen vorzubeugen: Krebs oder Ähnliches zu überhören und weg zu ignorieren, ist nicht die Idee. Noch schwieriger ist für mich allerdings die totalitäre Überschattung meiner Person. Ich bin nicht mehr Hilde. Ich bin Krebs und allermaximalst Hilde mit Krebs. Ohne finde ich nicht mehr statt. Ich finde überhaupt gar nicht nennenswert statt. Dabei bin ich doch gerade das mehr denn je. Thematisiert wird die Diagnose dabei paradoxerweise kaum. Und ich glaube, genau darin liegt das Problem. Sind andere Sachen gerade präsent in meinem Leben, der Jobwechsel, das vierjährige Überfälligkeits-Jubiläum der Steuererklärung, das punktuell erwachende “Meine Diät beginnt morgen aber wirklich Projekt” … dann erkundigt sich mein Umfeld intuitiv. Wird dagegen ein Tabuthema vermieden, verschwinden weder die dahinterliegenden Fragen, noch der Komplex als solches. Wie auch? Man denke an dieser Stelle nur bitte nicht an den berühmt-berüchtigten rosa Elefanten.
Quod erat demonstrandum. Kann zwar kein Latein, passt aber trotzdem, frei und kontextbezogen übersetzt: Der Elefant hat recht. Vermeiden funktioniert nur in Gegenwart des Zu-Vermeidenden. Ergo, immer da. Insofern meine Haltung, es als genau das zu behandeln, was es ist. Eine Sache, die präsent ist, nach der man fragen darf, sofern es Fragen gibt und sofern nicht, ebenso gleichwertig nicht. Während ich diese Herangehensweise als im Kern wirksame Problembearbeitung schätze, gibt es sicher viele andere, denen jene Offenheit im Umgang maximal widerstrebt.
Die Masterlösung ist simpel und viele
Was denn nun? Nein. “Wie denn nun?“. Wie denn nun das individuell richtige erkennen – in drei + eins Akten:
- Hinschauen: Was ein Mensch im Essentiellen wünscht, zeigt und bespielt er in der Regel auch. Merkst Du, dass es der Person schwerfällt, darüber zu sprechen? Lässt sie das Thema selbst aktiv außen vor? Benennt sie z. B. konkret Arzttermine oder ist sie „außer Haus“. Erkennst Du ein Unwohlsein, wenn Gespräche, Terminabstimmungen etc. den „geschützten Bereich“ tangieren oder sich diesem annähern?
- Fragen: Du bist nicht sicher, in dem, was Du zu beobachten glaubst? Dann nutze doch eine ruhige Gelegenheit ohne Publikum, in der Du eben das zur Sprache bringst. Sei ehrlich und erkläre, was ist, Du willst es gerne gut machen, weißt aber nicht, womit sich dein Gegenüber wohl fühlt,
- Anbieten: Du möchtest darüber hinaus unterstützen? Gib dir etwas Zeit abzuwägen. Hat dein Input Thesen-Charakter, seinen Ursprung in einem polarisierenden Grundkonzept und/ oder lässt sich in weniger als drei Synapsenblitzen eine irgendwie geartete Schuld ableiten – gibt dir noch mehr Zeit und häng am besten noch ein bisschen hier im Bog rum. Andernfalls gerne einmal klar und deutlich an bieten, was du dir konkret vorstellst. Ein offenes Ohr? Aktivitäten, um mal den Kopf frei zu bekommen? Kontakte zu Ärzten, Psychologen, Kinder- / Tierbetreuung, Gleichgesinnten etc.
+ 1 Not my Beer sprach der Stier und machte einfach alles richtig
Du hast so gar keinen Bock auf den Quatsch? Das Thema und/ oder der Mensch fuckt dich ab? Wundervoll! Das bringt uns zum Allerwichtigsten: Du selbst! Absurd? Ich auf süß so: Empathischer, nicht-egozentrierter Umgang ist keine Frage der Intensität, sondern von Authentizität. Alles, was in dir abgeht, darf so und muss so. Gegen innere Widerstände zu arbeiten, hilft niemanden. Menschen mit Krebs, sind erstmal die selben Menschen wie zuvor. Einfach nur Menschen. Menschen wie du und ich. Mit nervigen Macken und komischen Meinungen. Die Diagnose verleiht ihnen weder Prädikat noch Immunität. Im Gegenteil. Sie verdienen die aufrichtige Antipathie, die du verspürst, wenn du sie verspürst. Sie haben keinen Anspruch darauf, dass Du über Grenzen gehst, zurücksteckst, ihnen den Raum bereitest, den du eigentlich brauchst, dir wünscht, der dir zusteht oder sich gerade einfach nur zufällig aufgetan hat. Führt uns das zu dem unreflektierten Umgang, den ich moniere?
Heldenhafte Kakofonie zur Krebstherapie
Guter Einwand. Lass mal überlegen. Nö. Vermeintlich unehrenhafte Emotionen machen keine schlechten Leute. Sie sind irgendwas aus neuronalen Verschaltungen und Biochemie. Wir müssen nicht jeden pseudo-mögen, aufgesetzt Honig schmieren und Krebspatienten gehören nicht per Definition in den Arm. Alltagsheld*innen sind für mich die, die anmutig ehrlich, aufrichtig an noch so hübschen Ärschen vorbeischreiten, während andere feierlich Hineinkriechen, um sich anschließend erstmal ordentlich über den Gestank auszukotzen. Ist jemand aus besagter Rektalkolonie oder das Rektal selbst – wahlweise schwer – erkrankt, wird der Spaß nicht weniger ekelig. Es braucht weder Flugblätter noch schallende Beleidigungen. Die Haltung des/ der Held*in zur Kackparade ist völlig klar. Offensichtlich. Unverhüllt. Deutlich und präzise steht man im Gefecht dafür ein. Mit Worten, die ihr Ziel auch mal hart treffen, doch ohne brachiale Werkzeuge zu sein, rein ob Durchschlagskraft der krachenden Message. Aus Axt und “fetter Analwurm”, wird Karate-Move und Kausalargument ala “Darmspaziergänge forcieren erwiesenermaßen parasitär bedingte Überkeit”. Zack. In wertschätzende Kommunikation geblitztdingst. Und ja, checke ich selbst … Diese Metapher war schon zwei Sätze zuvor komplett am Ende…. Der Artikel auch. Der Artikel auch? Na gut, der Artikel auch. Für heute.
Büchsenschlussverkauf
Guter Einwand. Lass mal überlegen. Nö. Vermeintlich unehrenhafte Emotionen machen keine schlechten Leute. Sie sind irgendwas aus neuronalen Verschaltungen und Biochemie. Wir müssen nicht jeden pseudo-mögen, aufgesetzt Honig schmieren und Krebspatienten gehören nicht per Definition in den Arm. Alltagsheld*innen sind für mich die, die anmutig ehrlich, aufrichtig an noch so hübschen Ärschen vorbeischreiten, während andere feierlich Hineinkriechen, um sich anschließend erstmal ordentlich über den Gestank auszukotzen. Ist jemand aus besagter Rektalkolonie oder das Rektal selbst – wahlweise schwer – erkrankt, wird der Spaß nicht weniger ekelig. Es braucht weder Flugblätter noch schallende Beleidigungen. Die Haltung des/ der Held*in zur Kackparade ist völlig klar. Offensichtlich. Unverhüllt. Deutlich und präzise steht man im Gefecht dafür ein. Mit Worten, die ihr Ziel auch mal hart treffen, doch ohne brachiale Werkzeuge zu sein, rein ob Durchschlagskraft der krachenden Message. Aus Axt und “fetter Analwurm”, wird Karate-Move und Kausalargument ala “Darmspaziergänge forcieren erwiesenermaßen parasitär bedingte Überkeit”. Zack. In wertschätzende Kommunikation geblitztdingst. Und ja, checke ich selbst … Diese Metapher war schon zwei Sätze zuvor komplett am Ende…. Der Artikel auch. Der Artikel auch? Na gut, der Artikel auch. Für heute.